Erna Cuesta im Gespräch mit dem Tiroler Autor Martin Plattner zur Uraufführung seines Stückes FERNER

Bild Martin Plattner, Foto: David Payr

Martin Plattner, Foto: David Payr

Am Anfang des Stücks Ferner stand ein Zeitungsartikel über Menschen die auf der Flucht ertrunken sind; was in weiterer Folge ist die Initialzündung, wie entsteht oder entwickelt sich Ihr Text?

Ich bin ein Sammler: Randnotizen, Fußnoten, Schnappschüsse, auch auf den ersten Blick oft Unscheinbares interessieren und inspirieren mich. Im vermeintlich Beiläufigen, in den „Tischresten“, entdecke ich für mich oftmals die wesentlichsten und eindringlichsten Fragestellungen. Das kann ein lange nicht gehörtes oder gelesenes Wort sein, eine Figur, die man auf einem Bild immer übersehen hat und plötzlich wahrnimmt, oder ein seltsames Nebenmotiv aus einem Traum, das einen nicht und nicht loslässt. Ich sammle diese „Tischreste“ indem ich sie notiere, ausschneide, auch skizziere – dementsprechend schaut es in meinem Büro aus: wie in einem Altpapiercontainer. Und dann käue ich das Gesammelte wieder und wieder. Wie eine Kuh. Monatelang. Manchmal Jahre.

Wie lösen Sie sich dann von dem was Sie bewegt, wie arbeiten Sie das für sich auf? Und wann schreiben Sie?

Beim Schreiben ist mir das Ritual wichtig. Ich schreibe jeden Tag circa 8 Stunden. 6 Tage die Woche. Der Vormittag, der späte Nachmittag und der Abend sind für mich die produktivste Zeit. Schreiben beinhaltet in meinem Fall auch Zeichnen (wenn ich an einer Textstelle nicht weiterkomme, dann skizziere ich die Figuren oder Szenarien). Nur in der Nacht arbeite ich nicht mehr, da „hackelt“ eh das Unterbewusste weiter. Ganz lösen kann ich mich selten von Reizwörtern und -bildern, aber ich spiele mit ihnen, verändere meine Perspektiven auf sie und versuche sie in ungewohnte Kontexte zu stellen, um einen Umgang mit ihnen zu finden und manchmal auch Verborgenes in ihnen zu entdecken.

Sie sprechen in Ferner immer wieder von Figuren wenn Sie Menschen meinen; überhaupt klingt vieles abstrakt und anonym. Es werden auch ständig Fragen gestellt, aber selten bis nie Antworten gegeben …

Menschen sind und waren wohl zu allen Zeiten „Großbaustellen“. Derzeit, scheint mir, sind sie besonders gefährliche und gefährdete Großbaustellen. Wenn Hass, Wut und Neid „salonfähiger“ sind als je zuvor, wenn das Sündenböcke-(Er)Finden (wieder) zum „normalen Ton“ gehört, wird es auch immer schwieriger Empathie zu stärken und Solidarität zu leben und zu erleben. Einfache Antworten gibt es, kommt mir vor, überhaupt keine. Nirgendwo. Und in keinem Zusammenhang. Sonst würden wir in einer klareren, gesünderen Welt leben. Daher möchte ich auch keine Texte verfassen, in denen es vereinfachende Antworten hagelt, sondern Texte, die dazu animieren, Fragen immer wieder „anders“ zu stellen, weiter zu suchen, auch an etwas scheitern zu können, sich irren zu dürfen. Aber eben dennoch „dran“ zu bleiben und sich nicht abbringen zu lassen von der permanenten Suche nach Lebbarkeit, nach sich und nach anderen Suchenden.

Es geht in dem Stück auch stark um die Vergangenheit, um das Erinnern, um das Verdrängen. Kann man sich dieser Auseinandersetzung entziehen? Im Übrigen ist die derzeit weltweit meist verbreitete Krankheit Alzheimer …

Auch eine Erinnerungskultur, die sich auf Vereinfachungen stützt, wird den Menschen nicht gerecht und kränkt sie. Erinnern ist ein harter, langwieriger und mitunter schmerzhafter Prozess. In gegenwärtigen Gesellschaften herrscht nun aber der Zwang einfache, schnelle, auch „marktfähige“ Antworten – in wenigen Minuten und am besten begrenzt auf 140 bzw. 280 Zeichen – zu finden. Das „kränkt“ nicht nur ein kollektives Gedächtnis, sondern genau so sehr das Gedächtnis der Einzelnen. Dass immer mehr Menschen mit Demenz und Alzheimer diagnostiziert werden ist in diesem Zusammenhang sicher kein Zufall. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass immer mehr Menschen an Burn-Outs leiden, da unfassbar viel Information in immer kürzerer Zeit verarbeitet und zugeordnet werden soll.

 Wie verstehen Sie Humor in Bezug auf solche „ernsten“ Themen, wie in Ferner?

Humor war und ist zu allen Zeiten etwas Überlebensnotwendiges gewesen. Humor ist für mich wie das Geländer an einem senkrechten Abhang für jemanden mit Höhenangst. Humor kann Halt geben. Und sich Humor zu bewahren, den Humor vor allem nicht mit Bespaßung zu verwechseln, ist für mich eine Frage der (Über)Lebensbereitschaft. Mein Humor, insbesondere bei Ferner, ist sicher auch ein „Galgenhumor“ – ein zutiefst erschrockenes, verzweifeltes Auflachen über die (eigene) Ratlosigkeit.

 Sie sprechen selbst nie von einem Stück sondern von einem Text, warum?

Ein Stück ist für mich jenes Gebilde, das sich aus den Ideen und Angeboten aller Beteiligten am Theater zusammensetzt. Ich kann nur ein Textangebot schreiben und hoffen, dass sich ein Team findet, das mit dem Textangebot arbeiten möchte. Und dann hoffen, dass sich ein Publikum für das gemeinsam Erarbeitete findet und im Idealfall etwas für sich findet, was es mitnehmen und „weiterspielen“ möchte.

Wann ist für Sie der Moment den Text in andere Hände „abzugeben“, wann ist Ihr Text „fertig“?

Ich verlasse mich meistens auf meinen Instinkt: man spürt an einem gewissen Punkt, dass man den Text jetzt ziehen lassen kann, gar muss. Für mich ist das keine Frage von „fertig“, denn Theatertexte werden ja nicht im klassischen Sinne fertig, sondern spielbar. Der Text wächst dann eben weiter – mit seinen Spielgefährten auf und hinter der Bühne, mit dem Publikum. Ich bin immer dankbar, wenn ein Text viele unterschiedliche Interpretationen erzeugt. Und ich kann auch meistens gut mit Kritik umgehen – es allen recht machen wollte ich noch nie.

 Was macht für Sie die Faszination von „Eis“ (Gletschern) aus?

Obwohl ich aus dem Pitztal stamme, war ich noch nie auf einem Gletscher. Ich habe einfach zu großen Respekt vor diesem Naturphänomen und finde, es sollte Orte geben, die vor Menschen mit ihren Pistenraupen, Eispickeln und Skiern verschont bleiben. Aber gerne lasse ich meine Phantasie vom „ewigen“ Eis beflügeln – eine (Alb-)Traumlandschaft, in der sich Menschen, Zeiten und Orte überlagern können und dort auf eine seltsame Weise aufgehoben sind.

Und noch ganz etwas anderes: Sie haben kürzlich das Thomas Bernhard Stipendium erhalten, wie fühlt sich das an?

Ich freue mich sehr über das Stipendium! Ganz angekommen ist das zwar bei mir noch nicht – ich brauche immer ein „Zeitl“ um Dinge annehmen zu können – aber wenn es angekommen ist, dann gehe ich in meine Stammkneipe in Wien-Mariahilf und trinke saure Radler!