Ein unbekannter Beruf :

Gerhard Wernhart, Orchesterwart

 

(A.B.) Es ist eine Orchesterprobe, eine Aufführung, ein Opernabend im Theater oder ein Konzert auf dem Podium. Das Orchester nimmt Platz, die Musiker stimmen ihre Instrumente, der Dirigent kommt, die Musik beginnt - wie immer.
Das ist der Alltag. Man setzt sich auf den Sessel, öffnet die Noten auf dem Pult. Keiner der Musiker macht sich Gedanken darüber, daß sein Arbeitsplatz vorbereitet ist. Man glaubt nicht an die kleinen grünen Männchen, man weiß, daß der Orchesterwart vorher alles bereitgestellt hat. Man weiß es, man denkt nicht nach.

Als Kind hat man Pläne, was man werden möchte: Lokomotivführer, Feuerwehrhauptmann, Arzt, weltbekannter Filmschauspieler. Aber was genau ein Lokomotivführer macht, damit sich der Zug in Bewegung setzt, weiß man nicht.
Kaum ein Kind plant, später Orchesterwart zu werden. Und kaum ein Erwachsener - auch kein Musiker - weiß, was alles an Vorbereitungen notwendig ist, damit die Musik beginnen kann.
Orchesterwart - ein unbekannter Beruf. Bis jetzt.
Gerhard, unser Kollege, erzählt gern über seine Arbeit.

 

"Als Jugendlicher besuchte ich Schulkonzerte und habe das Geschehen auf und hinter der Bühne immer sehr interessant gefunden. Nach verschiedenen Tätigkeiten fing ich 1984 am Landestheater als Bühnentechniker an.
Der Bühnentechniker baut die Kulissen auf und ab und ist für den schnellen Szenenwechsel zuständig. Später habe ich das Maschinenpult bedient, das sich einen Halbstock über der Bühne befindet. Während einer Verwandlung werden die Drehscheibe, der Hub (die „Versenkung“), die Panoramazüge und die Horizontalbrücken mit den Beleuchtungskörpern bewegt. Auch der Orchesterhub, mit dem man den Orchestergraben hochfahren kann, wird von dort aus bedient.
Da ich vom Maschinenpult aus mit dem Orchester zu tun gehabt habe und auch schon einige Male meinem Vorgänger als Orchesterwart, Alfred Spanblöchl, geholfen habe, hat dieser mich eines Tages gefragt, ob ich Orchesterwart werden will, weil er in Pension geht. Als es ein halbes Jahr später dann soweit war, war ich ganz auf mich gestellt und auf einmal kam sehr viel auf mich zu. So wurde es notwendig, einen neuen Mitarbeiter einzustellen. Zuerst arbeitete ich mit Thomas Niedermair und jetzt mit Manuel Mayr.



Was tut ein Orchesterwart eigentlich? Er veranlasst den Aufbau der Bühne für das Orchester und sorgt dafür, dass die Bestuhlung und die Notenpulte vorhanden sind, entsprechend der Anzahl der Musiker. Wie viele Musiker beteiligt sind, wird vorher besprochen oder aus der Besetzungsliste und der Partitur herausgelesen. Bei Musikdirektor Schmöhe lernte ich am meisten, was unterschiedliche Sitzordnungen bei Konzerten und im Orchestergraben betrifft. Da gab es zum Beispiel die Butterfly-Aufstellung. Da sitzen die Holzbläser auf der linken Seite und die Blechbläser auf der rechten, in der Mitte die Streicher in V-Form, mit den Kontrabässen hinten an der Spitze.
Die jeweilige Sitzordnung hängt vom Stück ab, aber auch von der Akustik des Raumes. Im Kongresshaus ist die Akustik nicht problemlos, die Pauke z.B. sitzt meist entfernt von der großen Teppichwand, da diese die leisen Töne schluckt. Ja, wir bräuchten ein Haus der Musik, mit einem eigenen Probesaal – das wäre von uns allen ein großer Wunsch...
Ein Orchesterwart muss auch gute Ohren haben. Oft fragt der Dirigent bei den ersten Proben, wie es im Saal klingt, und ab und zu werden meine Vorschläge sogar umgesetzt.

Bei großer Besetzung zeichne ich vorher oft einen Bühnenplan. Wenn man sich ca. hundert Musiker auf der Bühne vorstellt, braucht man schon einen Plan, sonst kann es eng werden. Die Streicher benötigen zum Beispiel mehr Platz als die Bläser.
Wenn das Orchester zum ersten Mal auf einer fremden Bühne spielt, muß ich erst errechnen, wieviele Personen dort Platz haben, und davon hängt dann auch die Besetzung ab. Bei Gastspielen wird manchmal vorher ein Plan zugeschickt.
Ein Orchesterwart muss nicht unbedingt Noten lesen können, aber den Bühnenplan muss er lesen können.
Ebenfalls wichtig ist ein sorgsamer Umgang mit den Instrumenten. Man sollte sie an den richtigen Stellen angreifen und tragen, das lernt man schon mit der Zeit. Die Harfe ist ein besonders schönes Instrument. Wenn das Instrument so groß ist wie eine Harfe oder ein Kontrabass, können enge Stiegen gefährlich werden.

Für mich beginnt ein Konzert damit, daß ich nach der letzten Abendprobe im Stadtsaal die Instrumente bereitstelle, damit ich sie am nächsten Morgen um sieben Uhr früh ins Kongresshaus liefern kann. Dann baue ich die Bühne auf. Wenn dort am Vortag eine Veranstaltung war und die Bühne noch nicht frei ist, wird es knapp, dann gibt es Stress, damit die Probe pünktlich beginnen kann. Gastdirigenten und Solisten führe ich in ihre Zimmer und zeige ihnen auch die vorbereitete Bühne.
Abends vor dem Konzert, nachdem das Publikum im Saal Platz genommen hat, gebe ich ein Zeichen, daß die Musiker auf die Bühne kommen können. Nach dem Einstimmen der Instrumente öffne ich die Türe für den Dirigenten oder den Solisten. Auftritte sind immer heikel wegen der Stufen und dazu die langen Kleider der Damen – eine gefährliche Sache.

Einmal hat ein Dirigent im Konzert einen Schwächeanfall erlitten, da haben wir ihm schnell in der Zwischenpause eine Banane und ein Cola gegeben, und sowie er wieder bei Kräften war, konnte er weiter dirigieren. Einem anderen Dirigenten ist, kurz nachdem er die Bühne verlassen hatte, ein Knopf an der Hose verloren gegangen und sie wollte ihm herunterrutschen. Wir haben ihm schnell irgendwas zum Festbinden gegeben.

Und wenn zum Beispiel ein Klavier benötigt wird, müssen wir einen Umbau auf der offenen Bühne so rasch wie möglich durchführen.
Lustig war es einmal mit einer Pianistin. Sie hatte ihre Zugabe gespielt, nach dem Applaus geht sie von der Bühne ab, geht wieder hinaus, geht wieder ab, dann sage ich zu ihr: „Einmal geht’s noch“ – das hat sie aber missverstanden und hat darauf noch eine Zugabe gespielt.
Sobald der letzte Musiker nach dem Konzert die Bühne verlassen hat, beginnt der Abbau der Bühne und das Verladen der Instrumente.

 

Bei Gastspielen muß die Aufstellung auf der Bühne genau geplant und der Instrumententransport vorbereitet werden. Als wir voriges Jahr in Krakau waren, hatten wir vorher Fotos von der Bühne bekommen. Die Instrumente - mit Ausnahme der Kontrabässe - haben wir mit dem Flugzeug mitgenommen. Der LKW wurde schon vorher aufgeladen und nach Krakau geschickt. Er hat zirka 16-18 Stunden gebraucht, aber er kam rechtzeitig an, wir haben alles ausgeladen und aufgestellt, das Konzert konnte stattfinden.
Nach dem Gastkonzert werden die Musiker meistens zu einem Empfang erwartet, währenddessen haben die Orchesterwarte noch viel Arbeit, laden alles auf und kommen erst ganz zum Schluss zum Büffet...

Meinen ersten Einsatz als Orchesterwart hatte ich im Kongresshaus: bei den Aufnahmen zum schwedischen Film „Wie im Himmel“. Die Dreharbeiten waren sehr interessant für mich.

Mein erstes Konzert außer Haus war ein Neujahrskonzert in Kufstein, noch im alten Saal. Danach wurde die Bühne abgebaut, alles im LKW verstaut, und am nächsten Tag fuhren wir zum Konzert nach Reutte. Dort bauten wir die Bühne wieder auf, alles schön und gut – dann der Schreck: es fehlt etwas! Die schwarze Schlagzeugkiste mit dem gesamten Inhalt wie Schlegel, Tambourin, Triangel – und das Konzert sollte in Kürze beginnen! Wie sich herausstellte, war die Schlagzeugkiste in Kufstein geblieben. Ich hatte dort zwar zweimal nachgeschaut, ob alles zusammengeräumt ist, aber die schwarze Kiste einfach übersehen. Auch den anderen ist sie, da sie hinter einem Vorhang stand, nicht aufgefallen. Große Sachen wie eine Harfe übersieht man nicht so leicht. Da mussten wir in Reutte schnell improvisieren. Die dortige Blasmusikkapelle hat uns mit ihren Instrumenten ausgeholfen.

Auch zuhause kann es manchmal Probleme geben, z.B. Sprachprobleme mit ausländischen Gastsolisten oder Gastdirigenten. Man denkt, sie sprechen alle englisch – und dann sprechen sie es so, daß man nichts versteht. Wenn sie aber andere Sprachen sprechen, warte ich solange, bis die Musiker da sind. Da unsere Musiker aus den verschiedensten Ländern kommen, ist das dann von großem Vorteil.
Wenn neue Orchestermusiker kommen, werden sie von mir eingewiesen. Ich zeige ihnen, wo ihre Garderoben sind, gebe ihnen die Schlüssel für diverse Kästen, klebe ihren Namen an die Tür, erzähle ihnen von den Gepflogenheiten und mache auch mal einen Scherz.

Was also ist ein Orchesterwart? Man kann sagen: der Orchesterwart ist ein Minimanager.
Man erlebt sehr viele schöne Dinge mit dem Orchester. Man kann viel Spaß mit den Musikern haben – das Arbeiten soll ja auch Freude machen. Und wenn dann der Applaus am Ende eines Konzertes groß ist, bin ich stolz, auch ein Stück zum Erfolg beigetragen zu haben."